Zuerst brannten die Bücher - Ein Ort zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen in Hamburg 

Eine Gruppe von Menschen aus Buchhandel, Bibliotheken, Verlagen, Gewerkschaften, Universitäten und einige Lehrer*innen hatten sich in den frühen 1980ern in einem Arbeitskreis zusammengefunden, um den Ort der ersten Hamburger Bücherverbrennung am 15. Mai 1933 zu lokalisieren und dort einen Gedenkort einzurichten, einen Ort, an dem aus Büchern gelesen werden kann – gelesen im Sinne des "NIE WIEDER" mit der Forderung "Bücherverbrennung – nie wieder!"

1985 dann war der Platz mit Unterstützung durch die Bezirksversammlung Hamburg-Eimsbüttel endlich fertig. Esther Bejarano, die Auschwitz-Überlebende und Peggy Parnass, die gemeinsam mit ihrem Bruder den Holocaust nur durch einen Kindertransport von Hamburg nach Schweden überlebte, waren bei der Eröffnung 1985 dabei – und immer auch bei unseren späteren Leseaktionen. Jahrelang war die Lesung Treffpunkt für Überlebende des Holocaust.

Seit 2001, also seit 20 Jahren, laden wir jeweils im Mai die Hamburger*innen ein zu Marathonlesungen aus den verbrannten Büchern, genau dort, wo am 15. Mai 1933 NS-Studentenorganisationen und Burschenschaftler Bücher verbrannten. Ein Jahrzehnt lang haben wir zwölf Stunden dort unter freiem Himmel gelesen, von 11 bis 23 Uhr, seit einigen Jahren dann nur noch sieben Stunden von 11 bis 18 Uhr.  Auf dem "Platz der Bücherverbrennung" haben wir so manche Sternstunde erlebt: Studierende, die Heine auf Russisch gelesen haben, es wurde gerappt und gesungen – vom Klezmer-Lech-Chor der Jüdischen Gemeinde und dem Chor der Hamburger Gewerkschafter*innen über Rezitationen von wunderbaren Schauspieler*innen, von Autor*innen, von Menschen, die nie zuvor öffentlich aufgetreten waren. Und immer dabei die großartigen Beiträge der Schüler*innen.

Seit vielen Jahren unterstützt das benachbarte Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer die Leseaktion, die dort fest im Unterrichtsplan für die 7. Jahrgänge eingeplant ist, auf vielfältige Weise. Beeindruckende Lesungen und Rezitationen, Ausstellungstafeln, die zum Thema erarbeitet wurden, überzeugen. In jedem Jahr nimmt auch die Ida Ehre Schule teil mit dem 11. Jahrgang und immer mal wieder Schulen aus anderen Bezirken von Hamburg, manchmal auch aus Grundschulen mit berührenden Lesungen und kleinen Konzerten. 

Wir brauchen diese Orte des Erinnerns – diese authentischen Orte – künftig mehr als bisher: Wo und wie sollen wir verstehen, was geschehen ist, wie Emotionen entwickeln, wenn wir nicht mehr die mahnenden, aufrüttelnden, oft auch kämpferischen Erzählungen von Zeitzeug*innen hören, diese "Tankstellen", diese Kraftzentren für das Erinnern, aber eben auch für das Verändern gesellschaftlicher Verhältnisse. Die für alle, die begriffen haben, die begreifen wollen, definieren, was das auf sich hat mit dem "Nie Wieder". Diese Orte werden immer wichtiger in Zeiten, in denen die Erlebensgeneration nicht mehr persönlich sprechen kann.

Helga Obens

"Arbeitskreis "Bücherverbrennung – nie wieder!" unterstützt durch: Bücherhallen Hamburg, Auschwitz-Komitee in der BRD e.V., ver.di Hamburg, PEN Deutschland, Studierende der Universität Hamburg, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – BdA Hamburg, KZ-Gedenkstätte Neuengamme, GEDOK Hamburg, Eimsbütteler Turnverband – ETV Hamburg und weitere Organisationen.

 

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Peggy Parnass kann in Corona-Zeiten nicht an der Lesung teilnehmen. Sie schreibt:

An Euch!

Wie gerne wäre ich jetzt mit Euch zusammen.

In Gedanken bin ich ja wie jedes Jahr bei Euch.

Ich war von Anfang an überzeugt und begeistert dabei –

wenn es darum ging, die verbotenen und die erlaubten Autoren zu feiern.

Und Dir, Helga, möchte ich wie immer dafür danken, daß Du diesen

großartigen Erinnerungstag ins Leben gerufen hast.

Wissend, daß an diesem Tag wieder Freunde, die mir so wichtig sind,

dabei sind.

Regula Venske, Rolf Becker und noch einige andere wunderbare Menschen werden da sein. 

Ohne mich, das bricht mir fast das Herz.

Ihr seid mir so wichtig !

Eure Peggy Parnass

 

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Bereits zum 20. Mal setzt die Marathonlesung ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen. Vergessen werden darf nicht, dass im Mai 1933 am Kaiser-Friedrich-Ufer zum ersten Mal eine Bücherverbrennung in Hamburg stattgefunden hat. Wer Bücher verbrennt, der will Stimmen zum Schweigen bringen und ermordet irgendwann auch Menschen. Wir wollen, dass diese danach verfolgten Stimmen Gehör finden.

Es freut mich, dass auch in diesen aktuell herausfordernden Zeiten gemeinsam die Texte derer laut vorgelesen werden, die die Nationalsozialisten zum Schweigen bringen wollten. Und auch, wenn es das Zusammenkommen und Beieinander sein an Orten der Erinnerung nicht ersetzt, bin ich dankbar für die Möglichkeit des digitalen würdigen Gedenkens, da ich leider nicht persönlich vor Ort sein kann.

Ich danke allen Beteiligten, die heute und in ganz unterschiedlichen Formen daran mitwirken, an die abscheulichen Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern. Das dieses Unheil niemals vergessen wird und nie wieder stattfinden kann, dafür haben wir als Gesellschaft und jeder und jede Einzelne Sorge zu tragen.

 

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