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Mai 1933 – Zuerst brannten die Bücher …

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Rede von Arne Wolter, Schulleiter Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer am 21. Mai 2026 zur Eröffnung der 26. Marathonlesung

Posted on 21. Mai 202622. Juni 2026 by Lesezeichen setzen

Sehr geehrte Frau Bürgerschaftspräsidentin Veit,
liebe Frau Obens,
liebe Schüler:innen,
liebe Kolleg:innen,
liebe Gäste.

Bevor ich zu meinen eigenen Gedanken komme, erlaube ich mir ein bisschen Name-Dropping und ein paar Fremdzitate – die ich mir durch das bloße Vorlesen keineswegs zu Eigen mache. Zunächst also etwas Name-Dropping: George von Julian Greis. Eine wie Alaska von John Green. Beyond Magenta von Susan Kuklin. The Hate you give von Angie Thomas. The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood. To Kill a Mockingbird von Harper Lee.

Und nun die Fremd-Zitate: „Dieser pervers-linke, radikal-feministische und individualistische Ungeist zersetzt dabei nicht nur traditionelle Familien- und Rollenbilder, er leugnet und kriminalisiert selbst biologische Tatsachen.“ (AfD Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt, Zugriff im Netz am 13.5.26)

„Es ist eine Unfähigkeit, deutsche Interessen zu verteidigen und ein manischer Zwang, sich selbst zu schaden. Nationalmasochismus und fehlendes Selbstbewusstsein aber beruhen auf kulturellen Voraussetzungen. Die letzten Ursachen der aktuellen Misere sind somit kultureller Art und können deshalb nur durch gezielte Arbeit an den kulturellen Voraussetzungen geheilt werden. – Eine Vergangenheitsbewältigung, die das genaue Gegenteil von Bewältigung ist, nämlich die Verewigung des Schuldkomplexes, hat mittlerweile dazu geführt, dass Nationalstolz grundsätzlich anrüchig ist… Seiner Selbstbehauptungskräfte beraubt, ist Deutschland dem Einfluss der Regenbogenideologie hilflos ausgeliefert.“ (AFD-Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt, Zugriff im Netz am 13.5.26)

 „Zwischen der Vergangenheit und heute besteht eben nur der Unterschied, dass seiner Zeit die Herrscher sich missliebiger Bücher mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln entledigten – während sich heute das Volk selbst als vollstreckende Gewalt fühlt. […] Daß jedoch das Volk selbst die Scheiterhaufen errichtete und entzündete, geschah erstmalig durch die nationale Revolution in Deutschland: nicht das eine oder das andere ‚missliebige’ Buch wird hingerichtet, sondern der Weg zur neuen, eigenen Kultur wird freigemacht vom Schutt des Vergangenen.“ – (Hamburger Tageblatt – hier aber vom 31.5.1933)

Was haben diese Texte neben der ähnlichen Verwendung von Sprache miteinander zu tun? Und was haben sie mit uns zu tun, die wir hier heute in Hamburg am Gedenkplatz für die Bücherverbrennung 1933 aus Büchern lesen, die vor 93 Jahren auch an diesen Platz in die Flammen geworfen wurden?

Die Titel der Bücher, die ich zum Einstieg vorgelesen habe, werden derzeitig aus Schulbüchereien US-amerikanischer Schulen entfernt. Es sind Werke  der Hochliteratur wie „To Kill a Mockingbird – Wer die Nachtigall stört“ von  Harper Lee, die in diesem Werk den Rassismus der Südstaaten aufzeigt,  oder „Beyond Magenta“ über die Liebe zwischen Transgender-Teens – es  sind Bücher, die im Zuge von Book Bans, oft inszeniert von den selbst  ernannten „Moms for Liberty“ in den USA, ins Visier der Aufsichtsbehörden der Schulen gerieten und aufgrund von Dekreten der US-Regierung oder  einzelner Gesetze der Bundesstaaten aus schulischen Büchereien entnommen werden. Sie verschwinden einfach, ihre Gedanken sollen aufhören, nicht mehr auffindbar sein, nicht – die „Köpfe“ der Jugend – also Euch, liebe Schüler:innen – verderben.

Diese Form der Bücher“verbrennung“ ist jetzt. Sie findet in einer der ältesten westlichen Demokratien statt, mit Billigung der Parlamente und unter dem Jubel selbsternannter Schützer:innen der Freiheit. Geschichte wiederholt sich, und wir sind dabei.

Wir müssen hier und heute nicht mehr Heinrich Heines Mahnung oder Joseph Goebbels Geschrei zitieren. Die Vergangenheit ist jetzt. Wenn wir hier heute aus Büchern lesen, die vor 93 Jahren auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, dann erinnern wir uns und mahnen wir nicht nur vor dem Vergangenen. Wir schützen uns und unsere eigene Freiheit und Demokratie.  Denn in nicht einmal 285 km Entfernung schickt sich eine Partei – die AFD – an, mit einem Programm, aus dem ich nur ein paar Zeilen vorgelesen habe, das in seinen Worten an die Reden und Begleittexte der Bücherverbrennung von 1933 erinnert, die Regierung und damit das dortige Landeskultusministerium zu übernehmen. Vertreter:innen dieser Partei  wollen den deutschen „Schuld-Kult“ vertreiben, der uns angeblich so  lähmt. 

Ich schäme mich für diese Behauptungen in deutschem Namen, in dem Wissen, dass auf dem Platz dieses Mahnmals noch vor kurzem Esther Bejarano und Peggy Parnass mit ihrem Zeugnis uns daran erinnert haben, dass der Holocaust täglich in uns überwunden werden muss.

Wenn wir hier heute die Werke, die eigentlich 1933 den Flammen übergeben worden sein sollten, wieder auferstehen lassen, dann leben wir Freiheit und Demokratie. Eine Lebensweise, die es nicht nur aushält, dass Menschen und Gedanken verschieden sind, sondern die die Pluralität zu dem Kern ihres Wesens gemacht hat.

Ich wünsche uns sehr, dass es uns gelingt – jedes Jahr wieder durch unseren Beitrag als Schule an dieser Stelle – den öffentlichen Meinungsbildungsprozess und die friedliche Verständigung aller Menschen über einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu erhalten. Wir werden einer Vergangenheit gewahr, die schrecklicherweise wieder Zukunft werden kann.  Lesen wir also gegen diese Geschichtsvergessenheit an.

Ich danke jeder und jedem, die heute hier das Wort erheben – und insbesondere Herrn Dr. Wendt für die Organisation der gesamten Veranstaltung.

Aktuelle Beiträge

  • Grußwort der Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft Carola Veit zur Eröffnung der „Marathonlesung“ am 21. Mai 2026 zum Gedenken an die Bücherverbrennung am 15. Mai 1933
  • Rede von Arne Wolter, Schulleiter Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer am 21. Mai 2026 zur Eröffnung der 26. Marathonlesung
  • Ein Ort zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen in Hamburg
  • Liste der Autorinnen und Autoren
Steffi Wittenberg

Gedenken und Erinnern beginnt in unserer Nachbarschaft
ZUM 13. MONAT DES GEDENKENS IN HAMBURG-EIMSBÜTTEL
Gedenken als Erinnerung für eine Zukunft, die ein Leben in Menschenwürde garantiert. (Steffi Wittenberg)
Vom 20. April bis 14. Juni 2026 >>>

Esther Bejarano und Rolf-Becker © Yo Loewy

Wir trauern um unseren Freund Rolf Becker (1935 – 2025)
Er hat unserer Sache, unserem Anliegen immer wieder seine Stimme geliehen. Wahrhaftig und leidenschaftlich war er. Und tief berührt und aufgerüttelt hat er die Zuhörenden, wenn er für und mit den Überlebenden des Holocaust gesprochen hat.
>>> Weitere Informationen

Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung am Kaiser-Friedrich-Ufer Foto: Peter Mathews

Baumfrevel am Mahnmal der Bücherverbrennung?
Ein vom Künstler geplanter Teil des Mahnmals sind sechs vor mehr als 40 Jahren gepflanzte rotblättrige Kirschpflaumen, die im Bogen vor der Denkmalsmauer mit den Gedenksteinen stehen. Nun sind diese gesunden Bäume ohne Ankündigung gefällt worden.
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