Es gilt das gesprochene Wort!
Vor 93 Jahren, am 15. Mai 1933, warfen Hamburger Studenten Bücher auf einen Scheiterhaufen, hier am Kaiser-Friedrich-Ufer. Die Autorinnen und Autoren der Werke waren entweder jüdisch oder ihre Gedanken galten als „undeutsch“.
Geschrieben von Pazifist:innen, Sozialdemokrat:innen, Kommunist:innen, Liberalen oder anderen Intellektuellen.
Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ war sorgfältig vorbereitet worden, als Teil einer politischen Strategie. Im Jahr 1933 fanden an 165 Orten in Deutschland Bücherverbrennungen statt, fünf davon in Hamburg.
Die Nazis wollten alle Ideen, Gedanken und Perspektiven, die nicht in die NS-Ideologie passten, symbolisch vernichten.
Sie gaben damit – im Rückblick betrachtet – einen abscheulichen Ausblick auf das, was Opfern der NS-Herrschaft Jahre später drohen sollte.
„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
So geht das berühmte Zitat von Heinrich Heine, dessen Denkmal auf dem Rathausmarkt mich jeden Tag mahnt, die Erinnerung wachzuhalten.
Was damit begann, Stimmen zum Schweigen zu bringen, endete nach 12 Jahren Nazi-Terror mit 60 Millionen ermordeten Menschen.
Die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes wollten dafür sorgen, dass so etwas nie, nie wieder passieren kann. Sie haben erkannt, wie wichtig Meinungsfreiheit für unsere Demokratie ist. In Artikel 5 steht:
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“
Leider müssen wir heute weltweit mitansehen, wie autoritäre Regime Medien unter Druck setzen, unabhängige Berichterstattung einschränken oder Journalist:innen verfolgen.
Auch in demokratischen Gesellschaften geraten Bildung, Erinnerungskultur und freie Information zunehmend unter Druck.
In Amerika wurden zuletzt Bücher aus Schulbibliotheken entfernt, weil sie von Rassismus, Antisemitismus, sexueller Vielfalt oder anderen gesellschaftlichen Realitäten erzählen. Weil einzelne Gruppen bestimmen wollen, welche Perspektiven sichtbar sein dürfen und welche nicht.
Und auch in Deutschland hören wir politische Forderungen, die uns alarmieren. Es gibt Bestrebungen, unsere Erinnerungskultur umzudeuten, Kultur nur noch nach einer angeblich „patriotischen“ Haltung zu fördern oder wissenschaftliche und historische Aufarbeitung infrage zu stellen.
Selbst die Freiheit von Kunst, Kultur und Bildung wird unter ideologischen Vorbehalt gestellt. In Sachsen-Anhalt gibt es gar politische Kräfte, die einen „Stolz-Pass“ einführen und Gelder für Fahrten zu Gedenkstätten streichen wollen.
Liebe Schülerinnen und Schüler,
in den sozialen Netzwerken erlebt ihr es jeden Tag: Falschinformationen verbreiten sich sekundenschnell.
Auch antisemitische Verschwörungserzählungen, rassistische Hetze oder demokratiefeindliche Inhalte werden millionenfach geteilt. Künstlich erzeugte Bilder und Videos machen es immer schwieriger zu erkennen, was echt ist und was manipuliert wurde.
Heute werden zwar keine Bücher verbrannt – doch wir erleben neue Formen von Zensur. Durch gezielte Desinformation oder Hasskampagnen gegen Medien und Forschende; durch Algorithmen, die Empörung belohnen und Fakten verdrängen. Durch digitale Gewalt, die Menschen einschüchtert, damit sie ihre Klappe halten.
Demokratie lebt davon, dass wir streiten können. Aber Demokratie lebt auch davon, dass wir bereit sind zuzuhören, Argumente zu prüfen und zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden zu können.
Medienkompetenz gilt deswegen heute als eine der wichtigsten Fähigkeiten für uns Demokrat:innen: Wir müssen Quellen kritisch prüfen, wir müssen uns in andere Perspektiven hineindenken und wir müssen Widersprüche aushalten können.
Das ist nicht immer bequem, aber es ist der einzige Weg.
Denn Meinungsfreiheit bedeutet eben nicht nur, dass ich sprechen darf. Sie bedeutet auch, dass andere sprechen dürfen – selbst dann, wenn ich deren Meinung überhaupt nicht teile.
Dass wir heute hier zusammenkommen, dass ihr lest, zuhört und erinnert, ist von großer Bedeutung. Diese „Marathonlesung“ macht die Stimmen hörbar, die damals verstummen sollten.
Ihre Worte wurden verboten, verbrannt – aber nicht vergessen. Das haben wir besonders Ihnen mit dem Arbeitskreis „Bücherverbrennung – nie wieder!“ zu verdanken, liebe Frau Obens. Dieser Lese-Marathon findet heute zum 26. Mal statt.
Sie waren eine wichtige Mitstreiterin von Esther Bejarano – und haben sich gemeinsam mit ihr für dieses Mahnmal hier, für das Erinnern und gegen das Vergessen stark gemacht. Menschen wie Sie schaffen Räume des Erinnerns, des Lernens und des demokratischen Miteinanders.
Der Dank gilt auch euch, liebe Schüler:innen. Ihr seid heute hier, um mit uns zu lesen, zuzuhören und zu erinnern. Ihr seid die Generation, die darüber entscheidet, wie offen, demokratisch und frei unser Leben in Zukunft sein wird. Ob auf dem Schulweg oder auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer oder im Klassenchat, auf TikTok, Instagram oder Youtube: Bitte bleibt wachsam.
Das, was ihr heute tut oder lasst, bestimmt, wie wir in Hamburg morgen miteinander leben werden.
